Entscheidungen treffen mit Herz und Verstand: Was mir half, beides zu verbinden

Wir definieren uns über unsere Entscheidungen. Und doch ist es verflixt schwer, eine ausgewogene Entscheidung zu treffen. Der Kopf sagt das eine, der Bauch das andere oder er schweigt gänzlich. Und dann? Was meiner Entscheidungsfreudigkeit auf die Sprünge geholfen hat, verrate ich euch hier.

Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen oder doch besser rational?

Frau steht an einer Weggabelung und versucht, eine Entscheidung zu treffen

Soll ich den Schritt in die Selbstständigkeit wagen oder nicht? Diese Frage hat mich lange Zeit beschäftigt, ohne dass ich eine Entscheidung treffen konnte oder wollte. Kopfmensch der ich bin, erstellte ich natürlich zuerst eine solide Pro-Contra-Liste. Meine Gedanken kreisten um finanzielle Auswirkungen, fehlende Sicherheiten, Konsequenzen für meine Familienplanung. Alles rein rationale Argumente. Oder etwa doch nicht? Tatsächlich treffen wir unsere Entscheidungen weitaus intuitiver als uns bewusst ist. Nur die intellektuelle Bewertung und Verarbeitung unseres Bauchgefühls nehmen wir dann als rationale Entscheidung wahr. Nobelpreisträger Daniel Kahnemann erklärt das in seinem Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ mit unseren zwei Hirnsystemen, dem System 1 und 2. System 1 ist schnell, intuitiv und emotional und System 2 ist langsamer, reflektierter und logischer. Das schnelle Denken hat einen größeren und stärker durchdringenden Einfluss durch seine intuitiven Eindrücke auf unsere Gedanken und unser Verhalten. Dennoch ist allein auf den Bauch kein Verlass. Wir lassen uns erstaunlich leicht von unseren Ängsten, Vorurteilen und Assoziationen beeinflussen. Häufig verlassen wir uns sogar fest auf unsere Intuition, obwohl diese falsch ist, so Kahnemann. Es heißt also aus gutem Grund: mit Herz UND Verstand.

Auf meinen Verstand konnte ich mich bei meiner Entscheidungsfindung gut verlassen. Und doch hatte ich das Gefühl, etwas entscheidendes noch nicht berücksichtig zu haben. Mein Bauchgefühl? Ich ging in mich. Nichts. Es gelang mir einfach nicht, mein Bauchgefühl wahrzunehmen, ohne dass sich meine Gedanken sofort einschalteten.

Raus aus der Grübel-Falle: Wie mein Verstand meiner Intuition auf die Sprünge half

Optionen konkret erschließen

Ich versuchte es zunächst damit, meinen Argumenten der Pro-Contra-Liste Leben einzuhauchen und mich in meine Optionen einzufühlen. Dabei stellte ich fest, dass ich zwar Argumente für beide Optionen (Selbstständigkeit ja oder nein) gesammelt hatte, aber diese hingen noch lose im Raum. Ich hatte mit der Bewertung begonnen, noch bevor ich konkrete Szenarien entwickelt hatte. Meine beiden Optionen waren eher eine Idee und blieben als solche schwammig. Wie aber sollte ich mich entscheiden ohne genau zu wissen, wofür oder wogegen? Mein erstes Learning war also, aus meinen vagen Ideen einen Prototypen zu entwickeln, also ein Szenario bis hin zur konkreten Umsetzung: Wie sieht mein erstes Angebot als Selbstständige aus? Was tue ich hier? 

Die Tetralemma-Methode: Das eine, das andere oder noch etwas drittes?Visualisierung der Tetralemma Methode um Entscheidungen zu treffen: Das eine, das andere, etwas drittes oder keins davon

Und während ich so meine Szenarien “Selbstständigkeit” oder “Angestellt” entwickelte, begann sich eine dritte Option abzuzeichnen. Genau das ist das Vorgehen der Tetralemma-Methode: Ich visualisiere meine beiden Optionen räumlich als Bodenanker und fühle mich abwechselnd sehr genau in jede Möglichkeit ein: Was tue ich konkret? Wann? Wo? Mit wem? Wie lange? Welche Konsequenzen? Wie fühlt sich das an? Was bedeutet das für mein Lebensmodell? Welche Kapazitäten und Ressourcen mobilisiere ich? Ganz bewusst geht es hier neben den eigenen Gedanken also auch um mein Fühlen und Wollen. Anschließend stelle ich mir die Frage, ob es vielleicht noch eine weitere Möglichkeit gibt, die bspw. Option 1 und 2 kombiniert oder aber keine der beiden Optionen. So kam ich auf die Idee, meine Selbstständigkeit nebenberuflich voranzutreiben, was meiner familiären Situation sehr entgegenkam und mir genug Sicherheit einerseits sowie persönliches Wachstum andererseits ermöglichte. Noch während diese Option Form annahm, konnte ich körperlich spüren, wie ich mich entspannte, weil es sich “richtig” anfühlte. Mein Verstand, der aktiv die konkreten Szenarien entwickelte, verhalf gewissermaßen meinem Bauchgefühl auf die Sprünge.

Begegnung mit meinem 80-jährigen Ichalte Frau schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, weil sie eine Entscheidung bereut

Nachdem meine neue Favoriten-Option also  Form angenommen hatte, stellte ich diese auf die Zerreißprobe bzw. ich ließ mein 80-jähriges Ich diesen Job erledigen: Angenommen ich bin 80 Jahre alt und spreche mit meinem heutigen Ich über die Entscheidungssituation, was sagt mein 80-jähriges Ich dann? Bereut es, den Weg der Selbstständigkeit gegangen zu sein? Bei mir hat diese Frage eine starke emotionale Reaktion ausgelöst: Ich würde es in jedem Fall bereuen, wenn ich es nicht wenigstens versuchte! Mein 80-jähriges Ich ist seitdem mein treuer Begleiter und Gradmesser für meine Entscheidungen. 

Ent-scheiden heißt auch loslassen

Soweit hatte ich meine Entscheidung nun also gut vorbereitet, mit Herz & Verstand. Es folgte der nun schwierigste Part, das tatsächliche ent-scheiden. Damit ist auch immer das Loslassen einer der Optionen verbunden. In meinem Fall war es das Loslassen der “All-in-Optionen”, volle Selbstständigkeit oder komplettes Angestellten-Verhältnis. Aber durch das emotionale Erschließen einer “Hybrid-Option” fühlte sich dieses Loslassen nicht negativ an, sondern befreiend und stimmig. Und ich glaube darin liegt das große Versprechen einer fundierten Entscheidung: nicht damit zu hadern, sondern seinen Frieden mit sich und seiner Entscheidung zu schließen. Das fällt sehr viel leichter, wenn ich diese Entscheidung ganz bewusst und selbstbestimmt herbeigeführt habe. Selbstbestimmt, das heißt auch in dem Glauben, dass ich meine Situation aktiv positiv beeinflussen kann. Der kanadische Psychologe Albert Bandura  definierte das als Selbstwirksamkeitserwartung. Menschen mit einer solch optimistischen mentalen Grundhaltung haben erwiesenermaßen eine höhere Entscheidungsbereitschaft und eine höhere Lebenszufriedenheit, was ich nur bestätigen kann nachdem ich meine Entscheidung einmal getroffen hatte!

Mein entscheidendes Fazit

Um unsere Entscheidungsfähigkeit zu verbessern, profitieren wir von einer positiven mentalen Grundhaltung, dass wir die Situation meistern können. Diese Haltung fällt uns wiederum leichter, je konkreter wir unsere Handlungsoptionen erschlossen haben. Dabei kann es helfen, auch gänzlich neue Szenarien zu entwickeln. Rein mit dem Verstand können wir unsere Entscheidungsfähigkeit allerdings nicht verbessern, denn wir treffen unsere Entscheidungen intuitiver als wir häufig vermuten. Uns diese unbewussten Gefühle bewusst zu machen, hilft uns, unbekannte Situationen schneller zu bewerten und Optionen loszulassen, anstatt damit zu hadern. Das sichert uns ein deutlich höheres Gefühl von Lebenszufriedenheit.

Was hilft dir, Entscheidungen zu treffen? Hinterlass’ mir gerne deinen Kommentar.