„Wenn du mich nach dem schaurigsten Moment fragst, dann war das als ich mit dem Spaten auf dem Friedhof stand.

Julia (37) aus Hamburg hat den Schritt gewagt, ihrem Herzenswunsch zu folgen, und zwar nicht irgendeinem Wunsch, Julia möchte vom Vertrieb in die etwas stillere Kundenbetreuung wechseln und Bestatterin werden. Ich durfte sie interviewen, um ihre inspirierende Geschichte zu erzählen.

Liebe Julia,

deine Geschichte ist ebenso spannend, wie inspirierend und ich brenne darauf, sie zu erzählen, weil ich davon überzeugt bin, dass dein Weg auch andere inspirieren kann, ihrem Herzenswunsch zu folgen. Aber von vorne: Du arbeitest jetzt seit Jahren im Vertrieb, immer eng zusammen mit deinen Kunden. Jetzt bist du deinem inneren Wunsch gefolgt, bei dem deine Kunden eine ganz andere Art von Betreuung benötigen. Du bist auf dem besten Weg, Bestatterin zu werden.

Inhalt

Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass es da noch etwas anderes geben muss als deinen aktuellen Job?

Ich habe Deutsch, Literatur und Geschichte studiert. Der Vertriebsjob war nie mein Herzenswunsch aber ich war auch nicht unglücklich damit. Dennoch habe ich schon lange an Ideen herumgesponnen, wie ein Café oder Hostel zu eröffnen, wo ich mein eigener Chef sein kann. Aber keine dieser Ideen ist am Ende geblieben.

Wie bist du dann auf die Idee gekommen, Bestatterin zu werden?

Mein Bruder hat eine wunderbare Frau aus Mexiko geheiratet und ich habe andere kulturelle Einblicke bekommen. Einer davon war, dass man dort ganz anders mit den Toten umgeht. Dort steht nicht die Trauer im Vordergrund, man feiert vielmehr die Zeit, die man mit den Menschen verbringen durfte. Das hat mich sehr bewegt und beschäftigt. So bin ich auf das Thema aufmerksam geworden und habe mich näher damit auseinandergesetzt, also Bücher gelesen, Reportagen geschaut, etc. Und wie das immer so ist, wenn man sich näher mit einem Thema beschäftigt, wird es immer spannender und auch im Alltag ist man plötzlich viel empfänglicher und sensibler für die Thematik. So ist es mir beispielsweise mit einem Kollegen gegangen, der von einer Beerdigung zurückkehrte mit den Worten: „Das ist nichts für mich.“ Da habe ich wirklich körperlich gespürt, wie wütend ich geworden bin. Denn Sterben ist ein natürlicher Bestandteil unseres Lebens und doch wird er aus unserem Alltag total verdrängt.

Das heißt, du bist aus Neugier und Interesse einem Thema gefolgt und hast es so wirklich zu Deinem Thema gemacht. Was war der entscheidende Impuls, aus diesem Interesse einen ernsthaften Berufswunsch werden zu lassen?

Stimmt, ich hatte nicht von Anfang an vor, Bestatterin zu werden. Aber das Thema hat mich nicht mehr losgelassen und dann bin ich auf diese unglaublich inspirierende Person Eric Wrede gestoßen, der das ganze cool aufgezogen hat. (Eric Wrede ist ehemaliger Musiker und hat das Bestattungsinstitut Lebensnah in Berlin gegründet mit der Leitidee von einem sehr persönlichen Bestattungserleben.) Dann habe ich weiter gegoogelt und gemerkt, dass die Branche echt im Umbruch ist und ich dachte: Da möchte ich Teil des Ganzen sein. Mitgestalten!

Hattest du an diesem Punkt auch Zweifel oder Ängste, diesem ungewöhnlichen Wunsch tatsächlich zu folgen?

Ich bin grundsätzlich ein mutiger Mensch, aber ich war dann schon an einem Punkt, an dem ich mich gefragt habe: Wie mache ich jetzt weiter? Mache ich das jetzt wirklich? Und dann habe ich mir überlegt: Was ist das Schlimmste was mir passieren kann? Selbst wenn es gar nicht klappt, lande ich schlimmstenfalls auf der Straße. Das wird aber nicht passieren, denn ich habe ja auch Familie und Freunde, die mich auffangen. Und ich könnte ja auch wieder zurück in den Vertrieb gehen oder kellnern.

Du sprichst einen wichtigen Punkt an, Familie und Freunde. Unser soziales Umfeld kann uns eine große Stütze sein, aber auch großes Hemmnis, wenn es uns mit Unverständnis begegnet. Welche Reaktionen hast du aus deinem Umfeld erfahren?

Meine Eltern können meine Entscheidung nicht ganz nachvollziehen und sind keine großen Unterstützer. Aber obwohl wir ein sehr gutes Verhältnis haben, bin ich sehr abgenabelt und kann mich davon frei machen. Meine Freunde hingegen finden es eher spannend und witzig, sie stellen das gar nicht mehr in Frage.

Ich merke, du hast einen sehr selbstbewussten Umgang mit dem Thema und lässt selbst deutlich erkennen, wie sehr du hinter deiner Entscheidung stehst. Was hat dir die Gewissheit gegeben, dass der Beruf des Bestatters der Richtige für dich ist?

Ich war an einem Punkt, wo ich theoretisch alles in Erfahrung gebracht hatte und ich gemerkt habe: So komme ich nicht weiter. Ich muss Praxiserfahrung sammeln. Also habe ich in Hamburg nach Praktikumsmöglichkeiten gesucht. Viele Bestattungsinstitute waren zunächst irritiert, warum ich mit 37 noch ein Praktikum machen will. Dieses Unverständnis hat mich frustriert. Ich wollte das Praktikum unbedingt, denn sonst wäre der Gedanke die ganze Zeit in meinem Kopf geblieben, ohne mich loszulassen: Hätte ich damals mal… Dann habe ich Eric, also Lebensnah in Berlin angeschrieben. Er hat mich dann an seine Kollegin verwiesen. Denn eigentlich gibt es bei Lebensnah gar keine Praktikanten. Ich bin aber am Ball geblieben und dann war es wirklich eine Fügung des Universums, dass es dort funktioniert hat. Durch ein Missverständnis durfte ich nach Berlin für ein 2-wöchiges Praktikum kommen.

Wie hat sich dieser Aufbruch zu völlig neuen Ufern für dich angefühlt?

Als ich auf dem Weg von Hamburg nach Berlin im Zug saß, war ich total aufgeregt und dachte: Dein Leben ist doch ok. Warum machst du das eigentlich? Das war nicht nur schön. Aber ich bin dann durch Berlin gelaufen mit meinem Mantra: Wenn dir das nicht passt, dann gehst du einfach nicht mehr hin und genießt Berlin. So wurde es für mich leichter.

Offensichtlich hat es dann aber doch für dich gepasst. Welche Erfahrungen hast du denn gesammelt? Was waren Schlüsselmomente für dich?

Mein Erster AHA-Moment war zu erkennen, womit sich andere Menschen den ganzen Tag beschäftigen. Sie sitzen nicht den ganzen Tag im Büro, sondern sind viel unterwegs und leisten auch schwere körperliche Arbeit. Das hat meine Perspektive erst einmal enorm erweitert.

Ein echter Schlüsselmoment war aber eine Verstorbene, die wir mit Hilfe der Angehörigen gewaschen und angezogen haben. Denn das ist das Konzept von Lebensnah, die Angehörigen werden mit einbezogen und erhalten so die Möglichkeit, sich noch einmal richtig zu verabschieden. Diese Erfahrung hat die Angehörigen mit großer Dankbarkeit erfüllt und bei allem Kummer haben sie mir, selbst als Praktikantin, anschließend unglaublich viel Dankbarkeit und Wertschätzung entgegengebracht. Das erlebt man im Vertrieb so gut wie nicht und da wusste ich: Ich mach‘ diesen Job. Das ist verdammt wichtig und gut was du hier machst.

Man kann also sagen, dein persönlicher Purpose, also die Tätigkeit, die dich wirklich erfüllt, war dir anfangs noch gar nicht so klar. Durch konkretes Ausprobieren ist es dir dann aber wie Schuppen von den Augen gefallen. Dazu fällt mir der schöne Satz von Martin Walser ein: „Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.“

Ein toller Spruch. Genauso war es. Ich habe mich von Tag 1 komplett in das Team integriert gefühlt. Und mir ging eigentlich sofort die Frage im Kopf herum: Wie mache ich jetzt damit weiter?

Und, wie geht es jetzt für dich weiter?

Am letzten Tag des Praktikums war ich todtraurig. Zurück im Job, habe ich irgendwie weitergemacht aber im Herzen war ich schon in der Planung, wie ich mich als Bestatterin selbstständig machen kann, was nach nur einem Praktikum ja schon an Größenwahn grenzt. Aber ich wollte die Eindrücke auch erst einmal sacken lassen. Ich habe in den zwei Wochen jeden Tag etwas Neues gemacht und bin über mich hinausgewachsen, da sind die Endorphine und Glücksgefühle ja auch erst einmal normal. Aber jetzt sind ein paar Wochen verstrichen und ich will es immer noch unbedingt. Trotzdem überstürze ich nichts. Meinen aktuellen Job habe ich noch nicht direkt gekündigt. Ich verfolge den Quereinstieg, also ohne formale Ausbildung als Bestatter. Ich arbeite jetzt erst einmal auf 450 Euro Basis in einem Bestattungsinstitut in Hamburg, um mir noch weitere Kenntnisse anzueignen. Und obwohl mir ständig Gedanken durch den Kopf gehen, was nun meine nächsten Schritte sind, sind das keine Energieräuber, sondern Energiespender. Ich fühle mich völlig energetisiert durch meine neue berufliche Perspektive.

Wie gehst du deinem aktuellen Arbeitgeber gegenüber mit deinem neuen Berufswunsch um?

Ich habe offen mit meinem Chef gesprochen, wir haben ein gutes Verhältnis. Ich reduziere meine Arbeitszeit jetzt erst einmal auf 80%, um mir Kapazität für den 450 Euro Job zu verschaffen. Ich schaue aber auch schon auf ebay nach einem Leichenwagen.

Das hört sich sehr konkret an. Wie fasst man in einer völlig fremden Branche Fuß?

Langfristig möchte ich selbstständig sein und meine eigenen Ideen umsetzen. Ich habe aber auch gelernt, dass man als Bestatter nicht allein arbeiten kann. Schon rein körperlich ist das gar nicht zu schaffen. Ich kann mir also auch gut Kooperationen vorstellen, um Kontakte in die Branche zu bekommen. Ich stehe auch immer noch in engem Kontakt mit Eric und seinem Team und wir sprechen über eine mögliche Zusammenarbeit. Denn ich bin ein richtiges Fan-Girl von Eric und seinem Team – sie machen es so wunderbar und ich möchte natürlich am liebsten dort arbeiten.

Du hast jetzt eben davon gesprochen, dass du in deinem Praktikum ständig über dich hinausgewachsen bist. Was hast du in dieser Zeit über dich gelernt?

Das Praktikum hat mich noch einmal darin bestätigt, dass es gut ist, mal etwas Neues zu machen, aus der Komfortzone auszubrechen. Mich hat diese Erfahrung auch noch einmal in meinem Selbstbewusstsein bestätigt. Ob ich jetzt die nächsten 30 Jahre als Bestatterin arbeiten werde, weiß ich nicht, aber jetzt ist es das Richtige für mich. Wenn sich in 10 Jahren etwas anderes Spannendes ergibt, ist das auch toll.

Welchen Ratschlag würdest du zum Schluss den interessierten Lesern und Leserinnen geben, die ebenfalls darüber nachdenken, etwas in ihrem Leben zu verändern?

Wenn euch etwas interessiert, dann probiert es aus. Hospitiert einen Tag und sammelt neue Erfahrungen. Es öffnet einem die Augen!

Für viele ist es schwierig, ihren Herzenswunsch überhaupt zu erkennen. Sie wissen häufig noch gar nicht, wo sie neu ansetzen können. Hast du auch für diese Menschen einen Tipp?

Irgendwelche Ansätze, die man spannend findet, gibt es ja immer. Geht rum, schaut euch um und fragt euch: Lässt sich irgendwas umsetzen? Als ich noch die Idee hatte, ein Hostel oder Café zu eröffnen, bin ich einfach durch die Straßen gelaufen und habe mir Immobilien angesehen, habe auf Immonet recherchiert. Schlussendlich ist nichts daraus geworden, aber es ist doch nicht schlimm ein paar Stunden in ein Projekt zu investieren, selbst wenn es dann nicht funktioniert, besser als die Stunden vor Netflix zu verbringen.

Vielen Dank für diese inspirierenden Einblicke, liebe Julia. Es hat mir großen Spaß gemacht. Deine Begeisterung konnte ich von Hamburg bis Düsseldorf spüren. Ich drücke dir fest die Daumen dabei, deinen Herzenswunsch Schritt für Schritt zu verwirklichen.